Vergangenheit und Zukunft, Teil 2 – Young Germany Japan

Blog: ドイツ大使が見た日本
Vergangenheit und Zukunft, Teil 2

© Fuji TV
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3599102Am 8. Mai haben wir in Europa und natürlich auch in Deutschland den 70. Jahrestag vom Ende des Zweiten Weltkriegs gefeiert. Bei der Sondersitzung des Deutschen Bundestags hat zum ersten Mal nicht ein Politiker, sondern ein Historiker gesprochen. Heinrich August Winkler, einer der großen lebenden Geschichtswissenschaftler in Deutschland, hat nicht nur eine historische, sondern auch eine hochpolitische Rede gehalten. Er hat darauf hingewiesen, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit in Deutschland nie abgeschlossen sein wird. Es gebe, so Winkler, in der Zeit nach 1945 vieles, worüber die Deutschen sich freuen und worauf sie stolz sein könnten. Dazu gehöre aber auch, sich den dunklen Seiten der eigenen Vergangenheit immer aufs Neue zu stellen. „Würden die Deutschen der bequemen Versuchung nachgeben, sich nicht mehr an das erinnern zu wollen, was Deutsche nach 1933 und vor allem im Zweiten Weltkrieg an Schuld auf sich geladen haben, sie würden doch immer wieder damit konfrontiert werden, dass die Nachfahren der Opfer diese Geschichte so leicht nicht vergessen können.“ Und er fügt hinzu: „Neben dem Vergessen gibt es freilich noch eine andere Gefahr im Umgang mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte: eine forcierte Aktualisierung zu politischen Zwecken.“

Es ist sicher nicht erstaunlich, dass auch in Japan gerade dieses Jahr über diese Fragen sehr lebhaft diskutiert wird. Und ich freue mich darüber, dass viele Japaner ein großes Interesse an den Erfahrungen Deutschlands mit der Bewältigung seiner Vergangenheit im letzten Jahrhundert haben und darüber mit uns zu diskutieren. Natürlich ist klar, dass diese Erfahrungen nicht auf andere Länder, auch nicht auf Japan, übertragen werden können. Aber auch in vielen anderen Bereichen lernen wir zum gegenseitigen Nutzen viel voneinander – warum also nicht auch in diesem?

© Fuji TV

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Am 1. April war ich eingeladen, beim Fernsehsender Fuji TV in der zweistündigen Nachrichtensendung „Prime News“ auch über die deutsche Vergangenheit und darüber zu sprechen, wie ich persönlich damit umgehe. Ich habe in der Sendung gesagt: Ich wurde acht Jahre nach dem Kriegsende geboren und fühle daher keine persönliche Schuld über die Verbrechen Deutschlands in der Nazizeit. Aber ich habe auch die schwierige Diskussion erlebt, die in Deutschland in den 60er und 70er Jahren geführt wurde und die, wie Winkler sagt, noch nicht zuende ist. Auch ich habe meinen Vater gefragt, was er im Krieg getan hat und was er wusste von der Verfolgung der Juden und von den Konzentrationslagern. Wir haben lange und immer wieder davon gesprochen, bis kurz vor seinem Tod vor drei Jahren, und er hat mir sehr offen gesagt, dass er alles wusste und trotzdem begeisterter Soldat der deutschen Wehrmacht war. Dass daraus die Verantwortung erwächst, alles dafür zu tun, damit all dies nicht vergessen wird und damit so etwas nie wieder geschieht, darin waren wir uns einig.

Ich freue mich darüber, dass mir diese Fragen immer wieder gestellt werden und dass ich sie im kleinen und im großen Kreis und auch vor einer großen Fernsehöffentlichkeit beantworten darf. Die vielen positiven Reaktionen auf die Sendung haben mich jedenfalls sehr bestärkt.

In Kürze wird eine japanische Gruppe von Journalisten nach Israel und Deutschland reisen, um sich darüber zu informieren, wie die beiden Länder mit dem Holocaust umgehen und wie es möglich war, dass sie trotz dieser furchtbaren Erfahrung heute auf 50 Jahre diplomatischer Beziehungen zurückblicken und eine enge, eine außergewöhnliche Freundschaft pflegen. Es ist gut, sich dies in den betroffenen Ländern selbst anzusehen und dort mit Menschen aller Generationen darüber zu sprechen. Ich bin gespannt darauf, mit welchen Eindrücken sie zurückkommen.

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